Amazon: Vorstoß auf dem Seeweg
Februar 28, 2019

Der Online-Händler dehnt seinen Logistik-Service auf der Schiffsroute China-USA aus

Abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit hat Amazon in den vergangenen Jahren seine Logistik-Sparte im Bereich Seefracht deutlich ausgebaut. Laut USA Today verschiffte der Online-Riese im vergangenen Jahr beinahe 4,7 Millionen Warenpakete in Eigenregie von China in die USA.

Diese Tatsache überrascht nicht, wenn man verfolgt hat, wie das Unternehmen seine Rolle im Seetransportwesen während der vergangenen 3 Jahre konsequent ausgedehnt hat. Bereits 2016 erhielt die Tochterfirma Amazon China von der U.S. Federal Maritime Comission eine Lizenz als Seefrachtspediteur auf der Strecke zwischen China und den USA. Diese Möglichkeit nutzte das Unternehmen jedoch nicht unmittelbar. Erst 2017 verschiffte es unter dem Namen eines chinesischen Spediteurs erstmals wenige 40-Fuß-Container von Häfen in Südchina nach Kalifornien und Indiana.

Seit November 2017 tritt Amazon Logistics als Übersee-Spediteur unter eigener Marke auf und agiert dabei als NVOCC („non-vessel operating common carrier”).

NVOCCs besitzen selbst keine Frachtschiffe, sondern pachten den Frachtraum bei Reedereien und verkaufen ihn an ihre Kunden weiter. Derselben Strategie folgt der Online-Gigant auch im Lufttransport: Im Dezember 2018 gab das Unternehmen bekannt, seine Flotte durch das Leasing von 10 weiteren Boeing-Frachtflugzeugen auf insgesamt 50 Flugzeuge zu vergrößern.

Amazons Logistik-Sparte wächst rasant

Dabei zeichnet sich in der Logistik-Sparte der Firma eine dynamische Entwicklung ab: Die Anzahl der von Amazon Logistics verschifften Container wuchs seit Anfang 2018 auf über 5300 TEU an. Zwar ist das Volumen im Vergleich zum jährlichen Containerumschlag in Seattle (3,6 Mio. TEU) noch relativ gering, markiert aber einen deutlichen Vorstoß in die Transportbranche auf der transpazifischen Strecke.

Zusätzlich erlaubt die hauseigene LKW-Spedition Amazon, den chinesischen Produzenten einen Tür-zu-Tür-Service anzubieten, der sämtliche Zwischenhändler auf dem Weg zum amerikanischen Konsumenten eliminiert.

„Das mach das Unternehmen zum einzigen Online-Händler, der in der Lage ist, vollständige Transaktionen lückenlos auszuführen. Amazon besitzt jetzt ein geschlossenes Öko-System“, urteilt Steve Ferreira, CEO des Finanzprüfungsunternehmens Ocean Audit.

Auch Michael Zakkour von Tompkins International, einer Unternehmensberatung im Supply Chain Bereich, urteilt: „Kein anderes Unternehmen hat diesen Ansatz je im Entferntesten verwirklicht – es gibt ja keine Walmart-Containerschiff-Flotte.

Tür-zu-Tür-Service für chinesische Hersteller

Den chinesischen Produzenten bietet Amazon aktuell entweder den Service der Verschiffung oder die All-inclusive-Variante an: Diese schließt das Abholen an der Produktionsstätte und den Transport zu einem chinesischen Hafen mit ein. Anschließend werden die Container unter dem Namen Amazon Logistics oder durch die Tochterfirma Beijing Century Joyo Courier zu US-Häfen verschifft und von dort aus in die Amazon-Auslieferungszentren transportiert.

Für Amazon eröffnen sich damit drei Umsatzquellen beim Handel mit chinesischen Waren: der Straßentransport in China, das Verschiffen und schließlich die Provision beim Verkauf an den US-Kunden.

„Das eröffnet chinesischen Waren einen nahtlosen Weg von der Fabrikhalle bis zur Haustür des amerikanischen Konsumenten“, sagt Cathy Roberson, Gründerin der Beratungsfirma Logistics Trends & Insights in Atlanta. Aktuell erreichen chinesische Waren, die auf Amazon gehandelt werden, den Kunden noch auf verschiedenen Wegen: Einige werden per Paket direkt aus China zum Käufer verschickt. Andere kommen per Containerschiff in die USA und gelangen vom Hafen zum Lager des Verkäufers, der sie wiederum selbst an den Kunden sendet. Wieder andere gelangen über den Amazon-Transportservice per Schiff aus China direkt in die Amazon Fulfillment Center.

Letztere Variante ist für das Unternehmen die optimale, da Amazon so seine Lieferkette unter die eigene Kontrolle bringt. Nebenbei könnte Jeff Bezos´ Unternehmen damit allmählich die Struktur des globalen Einzelhandels verändern.

„Kleine Chinesische Produzenten können jetzt an amerikanische Kunden verkaufen, ohne dass jemand anderes als Amazon als Zwischenhändler auftritt. Das heißt, Amazon treibt die Globalisierung direkt in die amerikanischen Haushalte voran”, meint der Analyst Philip Blumenthal von der Versandplattform Freightos.

Amazon will seine Lieferwege selbst kontrollieren

Während 5300 Container noch ein kleiner Anteil dessen ist, was Amazon und seine Dritthändler jedes Jahr aus China in die USA importieren, signalisieren sie laut Fachleuten eine massive Verschiebung in der globalen E-Commerce-Landschaft. Amazon erweitert sein Aktionspotenzial in den krisengeschüttelten und schwer zu überblickenden Markt der globalen Seefracht-Logistik. Damit treibt das Unternehmen seine Bestrebungen voran, letztendlich einen Großteil seines Logistiknetzes selbst zu kontrollieren – von LKWs, über Flugzeuge bis hin zu Schiffen.

Güter in einer einzigen Lieferkette zu bewahren, reduziert die Anzahl der Übergaben und verringert die Gefahr von Beschädigungen. Es eröffnet lückenlose Transparenz mittels Sendungsverfolgung und GPS-Tracking – ein großer Vorteil für Verkäufer, da Kunden heutzutage auf kalkulierbare Lieferzeiten Wert legen. Amazons Interesse besteht über die Kundenbindung hinaus darin, Gewinn aus dem Lieferprozess zu ziehen.

Das Verschiffen ist nur der letzte Baustein der groß angelegten Strategie. Während der vergangenen Jahre hat das Unternehmen eine Flotte von LKWs und Frachtflugzeugen gemietet, um seine Straßen- und Lufttransport-Möglichkeiten in den USA auszubauen. Erst im vergangenen September orderte Amazon 20.000 Transporter für sein „Delivery Service Partner Programm“, mit dem es nach eigener Auskunft Hunderte kleine Zustellerfirmen durch eine Partnerschaft binden möchte. Nach Aussage des Online-Riesen könnten die etablierten Unternehmen mit dem steigenden Versandvolumen nicht mehr Schritt halten.

Auch hierzulande wachsen die Befürchtungen, dass Amazon vom wichtigsten Kunden der Logistikunternehmen zu ihrem schärfsten Konkurrenten mutiert.

Amazon Logistics bald für jedermann?

Amazons Logistik-Service für Hersteller in China ist vor allem deshalb zukunftsweisend, weil das Unternehmen sich erneut Kompetenzen in einem Bereich angeeignet hat, der sich skalieren lässt.

Das Programm war zunächst nur für chinesische Händler verfügbar, wurde aber nach Informationen von USA Today im letzten Quartal 2018 auch amerikanischen Verkäufern zugänglich gemacht.

Schließlich ist Amazon dafür bekannt, ein Potenzial erst für den Eigengebrauch auszubauen um es, sobald es gut läuft, an andere zu verkaufen. Das beste Beispiel dafür ist der Cloud-Service, den das Unternehmen zunächst für die interne Nutzung entwickelte. Amazon lancierte die AWS-Plattform im Jahr 2002 unter den eigenen Abteilungen – heute macht sie nach Schätzungen von Experten 40 Prozent des weltweiten Cloud-Computing-Marktes aus.

Aktuell erstreckt sich Amazons „Ökosystem“ auf vier Schauplätzen: E-Commerce, IT-Technologie, Medien und Unterhaltung sowie Logistik und Lieferketten. Was die Logistiksparte anbelangt, sind die Leistungen laut Unternehmen nicht für Händler außerhalb seiner E-Commerce-Plattform verfügbar. Branchenkenner wie Jeff Blumenthal vermuten, dass diese Exklusivität nicht andauern wird: „Vielleicht nicht jetzt, aber sie werden das definitiv in zwei Jahren anbieten.“

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